Belgien

Kunst im Sand

Von Tobias Rüther

 

 

Skulpturen mit Sturmstärke: "Beaufort"

 

 

FAZ 23. Juni 2003 

 

Am Strand von Zeebrügge ist eine Wasserkiste vom Himmel gefallen. Neuntausend-sechshundert Wasserkisten, um genau zu sein, zusammengesteckt zu einem Guckloch aus Plastik, einer Höhle ins Meer. Wer sie betritt, muß erst ein wenig durch Wasser und Schlick waten. Dann aber steht er in einem dunkelblauen Windkanal und schaut hinaus auf die See. Nun kommt er sich sehr vereinzelt vor, wie Brecht einmal dichtete. Nur, daß es zu diesem Zweck jetzt einen Apparat gibt, einen Alleingang sozusagen, angefertigt vom Künstlerduo Winter & Hörbelt, aufgestellt an der belgischen Küste.

"Beaufort" nennt sich die Triennale für zeitgenössische Kunst am Meer. Von De Panne an der französischen Grenze bis Knokke/Heist im Norden reihen sich Skulpturen und Installationen wie Perlen an einer Kette, 67 Kilometer lang. Eine Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Ostende begleitet den Parcours. "Marinen in Konfrontation" versammelt Seestücke von Courbet über Turner und Ensor zu Nolde, und von dort zu zeitgenössischen Malern wie Richter, Bisky, Morley und belgischen Stars wie Luc Tuymans. Die Schau zerfällt in vier Stränge, in einen emotionalen, optischen, visionären und erzählerischen Zugang zum Meer, wie er in den Werken aufscheint. Courbet zum Beispiel ist in den Augen der Kuratoren emotional, Monet optisch, Richter visionär und Ensor erzählerisch. Allesamt ringen die Künstler damit, das Meer und seine Gewalten sich anzueignen und zu formen. Sie fordern die See heraus, zum ungleichen Kampf.

Ringen mit den Gezeiten

"Beaufort" ist die Maßeinheit für Windstärke. Die Küste artistisch neu zu vermessen, Kunst und Natur ineinander zu spiegeln und aneinander zu steigern, ist Winter & Hörbelt mit ihrer "Gangway" am sinnlichsten gelungen: Der Sturm jault in die Kisten hinein und wieder hinaus, er stellt den Betrachter mitten im Plastik unter Strom. Wolfgang Winter denkt an einen "Fernseher ohne Elektrizität", wenn er seine Installation beschreibt, spricht von der "Ernsthaftigkeit", die ihn besonders in der Nacht am Meer erfaßt. "Das ist etwas anderes als Ballermann 6", sagt er. Fern jeder Poesie ist das Material dieser "Gangway" zugleich das typische Strandgut, eben jener Zivilisationsmüll, der alle Weltmeere verdreckt. Winter & Hörbelts Wasserkisten sollen nach der Triennale wieder in den Kreislauf eingehen - als gewöhnliche Wasserkisten.

Nicht viele Installationen des "Beaufort"-Projekts folgen einer so streng durchgearbeiteten Idee. Jan Fabre hat eine enorme goldene Schildkröte am Strand von Nieuwpoort abgesetzt. "Auf der Suche nach Utopia" heißt sein Werk. Kinder toben darauf herum und rutschen daran herunter, Spaziergänger schießen Fotos, hier ist richtig Stimmung. Die Schildkröte macht sich auf ins Meer und wird dort wohl nie ankommen, ihr Panzer glänzt und schimmert in der Sonne. Das Ding ist so glatt wie gefällig, hübsch dekorativ. Es lenkt den Blick ab von den Hotelriegeln dahinter, den touristischen Kasernen, die sich wie die Installationen der Triennale die gesamte belgische Küste entlangziehen: als Fortsetzung des Atlantikwalls mit anderen Mitteln.

Der Anblick der Bettenburgen ist erschlagend, in Beton gegossene Gier nach mehr Gästen, mehr Geld. Das ironisch aufzufangen, hat Wim Delvoye versucht, indem er einen gotisch ziselierten Bagger zusammenschweißte und am Seedeich von Middelkerke plazierte. Delvoye hat vor zwei Jahren mit seiner "Cloaca" einige Bekanntheit erlangt, eine Art Verdauungsmaschine, die gefüttert wird, verdaut und ausscheidet. Solche Umwege zur Aussage nimmt der Belgier am Strand von Middelkerke nicht. Sein "Caterpillar" ist ein kurzer, zutiefst kulturpessimistischer Kommentar auf die Wunder und die Totengräber der Architektur. Doch die Pointe verpufft zu schnell.

Der bemalte Himmel

Neun Badeorte beteiligen sich an der Triennale, bequem sind sie mit der historischen Küstenstraßenbahn "De Lijn" zu erreichen. Eine vom belgischen Künstler Roger Raveel umgestaltete Küstentram verkehrt zwischen den Gemeinden. Am Wegesrand finden sich seltsame Reste belgischen Fremdenverkehrs, die sich unfreiwillig einfügen in den Festivalparcours. Das verfallende "Hotel Normandie" zwischen Koksijde-Bad und De Panne zum Beispiel ist geformt und abgewrackt wie ein Schiff. Weiße, blaue, rote Farbe blättert ab. In diesem grotesken Schandmal hat lange niemand mehr übernachtet.

Flanderns Himmel will bemalt sein, und wie viele Künstler sind dieser Einladung schon gefolgt: James Ensor etwa, ein Wegbereiter und Anarchist der Moderne, ist in Ostende geboren und hat den Strand und das unruhige Meer immer wieder auf die Leinwand gebracht. Das Museum für Moderne Kunst in Ensors Geburtsstadt zeigt eine Handvoll dieser aufstörenden Gemälde. Die Farben flirren und verflüchtigen sich darauf. Ensors Bilder gehören - neben den Werken Turners und Gerhard Richters "Seestück (bewölkt)" - zu den Glanzstücken der Schau.

Der Badener Ralph Fleck kam nach Ostende, um das Meer zu porträtieren, er hat seine Seestücke numeriert und nebeneinander angeordnet: Momentaufnahmen der Wellen und ihrer Schaumkronen. Dick aufgetragene Ölfarbe rollt dem Betrachter auf Packpapier entgegen und versandet brüsk. Flecks Studien sind in der Ausstellung der optischen Linie zugeordnet, wie auch Jennifer Bartletts grandioses, zerstückeltes Panorama, weil auch das mit dem Auge spielt: Der "Atlantische Ozean" der Amerikanerin setzt sich zusammen aus 224 Stahlblechen, bestrichen mit Email. Licht und Farbe zerfällt und fügt sich wieder in eins, wechselnd wie die Wellen.

Hinter dem Deich

Für die "Marinen in Konfrontation" hat der Generalkommissar der Triennale Willy Van den Bussche eine herausragende Auswahl zusammengetragen. Die Schau beginnt verschachtelt, eng und dunkel hängen Courbets Meisterwerke im Erdgeschoß, sie weitet sich dann und reißt den Besucher fort in ein Farbspektakel, das vor allem der belgische Symbolist Leon Spilliaert mit seinen Strandbildern anrichtet, das dann zum Ende aber wieder verschwimmt und verläuft.

"Ich habe das Meer ins Museum gebracht und die Kunst ans Meer geführt", sagt Willy Van den Bussche stolz. "Die ganze Küstenlinie ist jetzt eine Kunstlinie." An deren südlichem Ende entsteigen gut einhundert gußeiserne Statuen dem Sand, nachgebildet dem Körper des Künstlers, Antony Gormley. Die See leckt an ihnen, umspült oder erreicht sie nie. Am nördlichen Ende, in Knokke, hat der Niederländer Henk Visch einen Spaziergänger auf ein Seil gestellt. Von Sonnenenergie gespeist, bewegt sich "De Wandelaar" langsam voran, von einem Mast zum anderen, zehn Meter über dem Strand.

Ein paar Meter entfernt, oberhalb der Surfstation und hinter dem Deich, verfällt ein Freibad. Backstein bröckelt, Gras wuchert, niemand schwimmt hier mehr, schon seit langem nicht. "Ingang Verboden" verkündet ein Schild. Jemand hat es grün übersprüht. Am Drei-Meter-Brett führt eine verrostete Treppe ins Nichts, schwer verrostet vom Salz der See.

Die Triennale "Beaufort: Kunst am Meer" läuft noch bis zum 28. September 2003. Täglich außer montags zeigt das Museum für Moderne Kunst in Ostende die Ausstellung "Marinen in Konfrontation". Die neun teilnehmenden Gemeinden bieten Pauschalarrangements an. Informationen über die "Beaufort"-Hotline 0032/70/225004 oder bei www.2003beaufort.be.

 

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.06.2003, Nr. 25 / Seite V3

 

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